Zerstörte Landschaften heilen – Die Ausstellung Black Dogs und Red Forests im Edith-Russ-Haus

Foto: Carolina Caycedo

Die Ausstellung Black Dogs and Red Forests (Schwarze Hunde und rote Wälder) zeigt Künstler aus der ganzen Welt, die sich mit den Hinterlassenschaften von Kolonialismus und Raubbau beschäftigen.

Im Zentrum steht dabei der Wunsch, symbolische Strategien der „Heilung“ zu entwickeln.

Die Ausstellung kann als das zweite Kapitel der Gruppenausstellung Possessed Landscapes (2020) betrachtet werden. Sie zeigte, wie die indigene Vorstellung, dass das Land von Ahnen bevölkert wird, ersetzt wird durch den Landbesitz der Rohstoffindustrie. Dieser ist geprägt von grenzenlosem Raubbau und produziert eine vielerorts von Gier und Entwurzelung geprägte Landschaft.

Ausgangspunkt von Black Dogs and Red Forests sind zwei neue Auftragsarbeiten von Jim Jasper Lumbera und Hira Nabi, die in diesem Jahr das Medienkunst-Stipendiumder Stiftung Niedersachsen am Edith-Russ-Haus erhielten. Beide begannen ihre recherchebasierten Untersuchungen lokaler Geschichten des Raubbaus mit dem Nachdenken über Orte ökologischer Zerstörung, wandten sich letztlich jedoch der Vorstellung einer Akzeptanz und möglichen Heilung solcher Landschaften zu.

Jim Jasper Lumberas Arbeit erzählt die Geschichte des „schwarzen Hundes“, einer Figur, die in der kollektiven Vorstellungswelt der Philippinen eine Rolle spielt und nach kriegsbedingten Epidemien die Straßen durchstreift. The Black Dog Which Causes Cholera beschäftigt sich mit der philippinischen Kolonialgeschichte, der fortschreitenden Zerstörung des Ökosystems und wie aus kollektiver Angst, Verletzung und Verseuchung eine lokale Sprache des Widerstands entsteht. Gleichzeitig birgt die mehrteilige Installation ein seltsames Echo auf die Corona-Pandemie. Die Installation umfasst überarbeitete Archivfotos aus der Kolonialzeit, die in der Abstraktion nach neuen Bedeutungen suchen und den Geist einer philippinischen Alltagskultur heraufbeschwören, die sich dem kolonialen Framing widersetzt; sie wird ergänzt durch die 24h-Live-Übertragung eines Denkmals in den Philippinen. Der Künstler errichtete dieses Denkmal – ein auf dem Wasser treibender Baum – inmitten eines Sees in der Nähe des Vulkans Taal in Batangas. Dort dokumentiert die vorkoloniale mündliche Tradition das Bündnis zwischen Menschen und Engkantos: Geistern, die die Landschaft bevölkern, mit den indigenen Völkern der Philippinen unmittelbar interagieren und sie schützen.

Hira Nabis Vier-Kanal-Videoinstallation How to Love a Tree ist in der pakistanischen Stadt Murree und in dem Wald verortet, der die Stadt umgibt. Die Künstlerin untersuchte die Vorstellung eines „gesunden kolonialen Körpers“. Bei ihren Recherchen stieß sie auf diesen ungewöhnlichen Ort, der 1853 nach dem Bau eines Sanatoriums für Kolonialbeamte als Garnisonsstadt gegründet wurde. Die britischen Verwalter riegelten in den südasiatischen Kolonien öffentliche Grundstücke ab, um „healing zones“ (Genesungszonen) zu errichten. Diese idyllischen Hügel-Stationen lagen fern der „infizierten“ Stadtgebiete und verewigten die Vorstellungen der Siedlerkolonialisten von einem ländlichen England. Tatsächlich waren diese Orte in medizinischer, hygienischer und militärisch-strategischer Hinsicht jedoch ein Ausdruck der Segregation. Noch heute wird die Region von Extraktion und Invasion ausgelaugt und existiert in einem Zustand „geografischer Erschöpfung“: Das Land kann dem intensiven Tourismus, der sich auf den ausgetretenen Pfaden des Kolonialismus bewegt, nicht standhalten. „Mit dieser Arbeit“, sagt Nabi, „versuche ich, Erzählungen und Zeugenberichte darüber zusammenzutragen, wie die Extraktion verfügt wurde und wie ganze Spezies menschlicher und nichtmenschlicher Wesen unterjocht wurden, die trotz allem auch Spuren ihrer Widerständigkeit hinterlassen haben.“ Die Künstlerin kooperierte mit lokalen Musikern, um im kleineren Rahmen Waldkonzerte als heilende Gesten zu komponieren und inszenieren.

Esther Neumann und Bojan Mrđenović dokumentieren in ihren recherchebasierten Projekten seit Jahren die verheerende Schönheit zerstörter Landschaften. Begleitet von einem Dolmetscher und einem Fahrer des Ministeriums für Katastrophenschutz unternahm Neumann 2005 Recherchereisen nach Tschernobyl, um die Auswirkungen der jahrzehntelangen radioaktiven Strahlung in der Nähe der verlassenen Stadt Pripyat zu untersuchen. Trotz der extremen Strahlung entstanden neue Wälder, und die Künstlerin empfand ihre üppige Vegetation als eine Art Geste der Versöhnung. Neumanns Animationsfilm, der auf Grundlage ihrer Recherchen entstand, liefert ein Porträt des Gartens von Hannah, einer älteren Frau, die sich weigerte, das Gebiet zu verlassen. Ihre Blumen sind von gleichermaßen schöner wie beunruhigender Üppigkeit. Mrđenovićs Fotoserie zeigt, wie die Abfälle chemischer und nuklearer Prozesse farbenprächtige, aber toxische, außerirdisch wirkende Landschaften hervorgebracht haben. Diese scheinbar unbewohnbaren Orte sind Beispiele für Landschaften, die angesichts eines grenzenlosen Extraktivismus Heilung und Fürsorge benötigen; zugleich belegen sie die unglaubliche Fähigkeit von Menschen, sich radikal veränderten Verhältnissen anzupassen.

Carolina Caycedos komplexe Skulptur- und Videoinstallation beschäftigt sich durch die Erforschung von Gewässern und Gesellschaftskörpern mit dem historischen Umweltgedächtnis. To Stop Being a Threat and to Become a Promise (2017) geht der Frage nach, wie Infrastrukturen Gemeinschaften beeinflussen und wie indigene Perspektiven und indigenes Wissen bei der Lösung künftiger Probleme des Planeten eine große Hilfe sein könnten.

Die Ausstellung wurde kuratiert von Edit Molnár und Marcel Schwierin

Gefördert durch: Stiftung Niedersachsen, Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur, Oldenburgische Landschaft, Landessparkasse zu Oldenburg

Ausstellungslaufzeit: 27.10.2022 bis 8.1.2023

Künstlergespräch mit Bojan Mrđenović und Hira Nabi: Mittwoch, 26.10.2022, 17.30 Uhr (in englischer Sprache)

Eröffnung: Mittwoch, 26.10.2022, 19 Uhr

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Freitag: 14:00 bis 18:00 Uhr

Samstag und Sonntag: 11:00 bis 18:00 Uhr

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