Leichter Regen
4°C  
5°C
Leichter Regen

Alles so schön grün hier

Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp
Share on email
Foto: Bad Zwischenahn Journal 3/2020

Alljährliche Algenplage als naturgegeben akzeptieren oder gegensteuern?

Alles so schön grün hier – woanders Grund zur Freude, auf der Wasseroberfläche des Zwischenahner Meeres alljährlich großes Ärgernis. Auch in diesem Sommer war es wieder soweit – der See „blühte“, das heißt, ein grüner Algenteppich setzte sich auf der Wasseroberfläche ab. Manchmal sind es vereinzelte Bereiche, die mehr oder weniger stark betroffen sind. In diesem Jahr war sogar kurzzeitig der ganze See grünlich durchzogen, und an einigen Stellen bildeten sich erwähnte „Teppiche“, welche dann übelriechend Bürger und Gäste nerven. Spätestens wenn sich dann noch bläuliche „Placken“ absetzen, sollte man ein Bad im Meer vermeiden. Die „Blaualgen“ können bei einigen Menschen Magen/ Darm-Probleme oder Hautreaktionen auslösen. „Blaualgen“ sind nämlich eigentlich keine Algen, sondern Cyanobakterien. Blaualgen müssen sich allerdings nicht erst blau färben, um Blaualgen zu sein. Oft zeigen sie sich als grüne Schlieren und Teppiche. Wenn dann irgendwann noch besagte verdickte bläuliche Stellen auftreten, wird es richtig übel und stinkt zudem gewaltig. Da wandelt sich auch die 1A Wohnlage in Eyhausen zum Sondergebiet, in dem man in dieser Zeit besser keine Immobilienbesichtigungen durchführen sollte. Cyanobakterien sind in hiesigen Seen und Flüssen eigentlich natürlicher Teil der Lebensgemeinschaft – ihr massives Auftreten zeigt aber, dass etwas aus dem Gleichgewicht gekommen ist.

Viel berichtet, viel beachtet, doch was ist der aktuelle Stand der Dinge, was kann man tun. Und muss man denn überhaupt was tun? Schließlich weiß auch jeder über 80-jährige Zwischenahner von der Algenplage zu berichten und wie sie als Kinder da einfach durchgeschwommen sind. Berlin hat eine grüne Woche, Zwischenahn eine fünfte Jahreszeit und eine grüne Phase, vielleicht ist das einfach so? Fakt ist, dass die Blaualgen durch hohen Nährstoff-, speziell Phosphateintrag entstehen und Hitze sowie wenig Wind die massive Ausbreitung begünstigen beziehungsweise verursachen.

Woher kommt nun die hohe Verfügbarkeit von Nährstoffen? Der See hat im nördlichen Bereich die Zuflüsse Otterbäke, Halfsteder Bäke und Auebach, die diese vermehrt in den See einbringen. Abflüsse sind übrigens die Aue, an der das Wehr den Wasserstand künstlich regelt und die Speckener Bäke.

Im nördlichen Einflussgebiet sind viele landwirtschaftliche Flächen, Hochmoore und Siedlungsgebiete zu finden, aus denen Stoffe in den See gelangen. Für viele steht fest, dass der Nährstoffeintrag durch die landwirtschaftliche Flächendüngung ursächlich für überhöhten Eintrag in den See sei. Aber ist allein die Landwirtschaft schuld? Phosphatdünger wird doch auch in Baumschulen und privaten Gärten eingesetzt. Der Nährstoffeintrag ins Zwischenahner Meer erfolgt hauptsächlich durch die Landwirtschaft, an zweiter Stelle stehen dann aber schon urbane Einträge (lt. Machbarkeitsstudie Gemeinde BZ). Die Landwirte düngen ihre Böden auch nicht willkürlich, vielmehr wird die Düngemittelmenge sicherlich berechnet und angepasst. Zudem gilt der See seit jeher als eutrophes, also nährstoffreiches, Gewässer. Historische Untersuchungen besagen, dass sich der See seit über 100 Jahren im zumindest hocheutrophen (Stufe 3) bis polytrophen (Stufe 4) Zustand befindet. Was bedeutet, dass es wegen der hohen Verfügbarkeit von Nährstoffen zur Algenblüte kommen kann.
Es gibt Meinungen, dass der See deshalb selbst ohne Landwirtschaft blühen und der natürliche Nährstoffeintrag und bestimme Wetterlagen dafür ausreichen würden. Folgende Faktoren scheinen das massive Aufkommen von Blaualgen zu verursachen:
– vermehrter Nährstoffeintrag
– warme Temperaturen
– wenig Wind
– Schilfrückgang, Schilf filtert Nährstoffe raus.
– Klimaveränderungen: Die Durchschnittstemperatur
des Sees hat sich um rund zwei Grad erhöht wie der Landkreis schon 2013 in einem BZJ-Interview feststellte.
– Strukturarmut: Begradigungen von Zuflüssen, Verhinderung von Überschwemmungsgebieten (wie früher am Zwischenahner Meer vor der künstlichen Wasserstandregulierung) und damit u.a. auch mehr Eintrag von Biomasse wie Laub usw.

Der Schilfgürtel am Zwischenahner Meer war einst teils mehrere Meter breit. Ein Grund für den Rückgang könnte ein besonders in der Vegetationszeit zu hoch gehaltener Wasserpegel des Sees sein. Ein ausreichender Schilfgürtel hat eine wichtige Funktion für das gesamte Ökosystem wie beispielsweise in Symbiose mit speziellen Bakterien zur Reinigung des Wassers. Reduziert sich die Filterfunktion, sind zudem mehr Nährstoffe im See und folglich besteht ein erhöhtes Algenwachstum. Durch den zu hohen Wasserstand dringt weniger Licht in die ansonsten flacheren Uferbereiche und trägt zu weiteren Veränderungen im Ökosystem bei.

Das Zwischenahner Meer gehört dem Land Niedersachsen. Das NLWKN (Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz) hat 2010 eine Wasserrahmenrichtline Band 3 „Zwischenahner Meer“ mit einer Maßnahmenplanung veröffentlicht. Schon dort wurde festgestellt, dass das ökologische Potential des Sees unbefriedigend ist. Es wird u. a. erwähnt, dass die Strukturarmut der Landschaft des Einzugsgebietes den erhöhten Phosphatgehalt mit bedingt.

Bereits in einem Gutachten von 1992 wird die Rückhaltung von Nährstoffen in den Zuläufen über bewachsene Bodenfilter angeregt. Da eine ausreichende Reduzierung der Nährstoffeinträge aus dem Einzugsgebiet vermutlich nicht möglich sein wird, sei eine geochemische Reinigung über eine Bodenpassage als zusätzliche Maßnahme empfehlenswert.

Aber was passiert denn jetzt konkret?

In Bad Zwischenahn gibt es einen speziellen Arbeitskreis zum Thema. Es wurde eine Machbarkeitsstudie erstellt, die als Entwicklungsziel die signifikante Verbesserung des ökologischen Zustandes des Sees, die Reduzierung der Phosphor- und Stickstoffeinträge, eine möglichst natürliche Wasserstandsdynamik und die Ausdehnung der „Röhricht- Verlandungszonen“ hat. Die Studie sieht beispielsweise Maßnahmen in Millionenhöhe wie die Reduzierung von Phosphoreinträgen aus Landwirtschaft, Baumschulen und urbanen Flächen, Renaturierung von Flächen des Einzugsgebietes oder die Teilumleitung der Otterbäke vor.

Vor einigen Jahren hat eine private Gruppe Bälle mit aktiven Mikroorganismen in den See eingebracht, die das Gewässer wieder in ein Gleichgewicht bringen sollten. Bei starken Algenblüten kann auch eine Behandlung der Algenteppiche mit Nitrat in Betracht kommen, als Alternative können die Teppiche abgesaugt oder mit Tauchwänden von Uferbereichen ferngehalten werden. Auch diese Maßnahmen will die Gemeinde prüfen.

Die Gemeinde hat aktuell zwei Belüfter gekauft, durch die die akut betroffenen Stellen entlastet werden sollen. Zudem achtet sie bei der Ausschreibung von Baugebieten auf entsprechende Vorkehrungen, will Flächen entsiegeln oder Einleitungen aus Siedlungsgebieten verlegen. Der See blühte im Sommer schon immer, das ist halt so. Rund um den See ist jetzt eben mehr los, das stört nun zudem auch mehre. Aber damit Dauer und Intensität des Auftretens der Blaualgen nicht zunehmen, ist es sicherlich sinnvoll, sich mit dem Thema konkret auseinanderzusetzen. Zu den sinnvollsten und am ehesten umsetzbaren Maßnahmen zählen sicherlich die Renaturierung im Zuflussgebiet sowie das Fördern der Erholung des Schilfgürtels am Zwischenahner Meer.

Wie sieht es denn woanders aus?

Zwischenahner Meer, Dümmer und Steinhuder Meer sind die drei größten Binnenseen Niedersachsens. Alle haben ein massives Blaualgenproblem im Sommer.
Es gibt sogar ein Dümmersanierungs-Konzept von 1987. Schwerpunkt lag dabei auf einer Reduzierung der Nährstoffeinträge zur Verbesserung der Gewässergüte. Seither konnten u. a. durch Modernisierung der Kläranlagen die Phosphorfrachten aus dieser Quelle um mehr als 90 Prozent reduziert werden. Die Umleitung des Bornbaches führte zu einer weiteren Reduzierung der Phosphorbelastung auf weniger als 50 Prozent. Und trotzdem „blüht“ der Dümmer. Trotz weitgehender Umsetzung der im Sanierungskonzept beschriebenen Maßnahmen hat sich gezeigt, dass weitere Schritte erforderlich sind. Ein unverzichtbares Element zur Reduktion des Phosphoreintrages in den Dümmer ist dabei unter anderem nun der Großschilfpolder.

FAQ zu Algen am Dümmer:
www.lgln.niedersachsen.de/startseite/wir_uber_uns_amp_organisation/organisation_amp_kontakt/rd_sulingen_verden/verschiedenes/dummer_faq/faq-liste-107381.html
Das Steinhuder Meer hat eine extra Algen-Website: www.steinhuder-meer.de/wir-fuer-sie/wetter/blaualgen-info

Weitere Infos:
www.umweltbundesamt.de/wasser-undgewaesserschutz/cyanocenter.html
http://de.wikibooks.org/wiki/Cyanobakterien:_Problematik_der_Cyanobakterien_aufgrund_der_Cyanotoxine
www.badegewaesser.niedersachsen.de/
https://bad-zwischenahn.de/sessionnet/buergerinfo/to0040.php?__ksinr=957

Kommentare

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments

OYJO Newsletter

Abonnieren und News direkt ins Postfach!

Scroll Up